Pfarrgemeinde St. Otger

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Predigt von Pfr. Jürgens zu Weihnachten 2011

Liebe Schwestern und Brüder!

Vor kurzem war ich in Ägypten. Ich durfte eine Studienreise begleiten, eine Pilgerfahrt. Zuerst waren wir in Kairo, dieser riesigen Stadt, in der so viele Menschen leben wie in ganz Skandinavien, zwanzig Millionen. Wir haben die Pyramiden gesehen. Im Ägyptischen Museum ist der größte Goldschatz der Welt: Tut-Anch-Ammun, davon haben Sie bestimmt schon mal gehört. Wir haben die Koptischen Kirchen und Klöster besucht – und selbst-verständlich auch die großen Moscheen. Anschließend ging es auf einem Schiff nilaufwärts. Wir konnten den größten Tempel der Welt sehen. Das das Tal der Könige: jahrtausendealte Gräber, voll mit Kunst und Schätzen, aber noch voller mit Sehnsucht nach Ewigkeit. Wir waren in Abu-Simbel, dem Tempel Ramses II. am Assuan-Stausee. Dann ging es zur Halbinsel Sinai: Das Katharinenkloster gilt als Ort des brennenden Dornbuschs, und den Berg der Zehn Gebote, den Mosesberg, konnten wir nachts besteigen. Ich habe noch nie zuvor einen so sternenklaren Himmel gesehen, und dann am Morgen einen so schönen Sonnenaufgang.

Die Reise hat mich sehr nachdenklich gemacht, vor allem religionsgeschichtlich. Wie lange schon suchen die Menschen nach Gott? Nach der Wahrheit ihres Lebens? Nach Sinn und Ewigkeit? Was haben sie sich nicht alles ausgedacht, um ihre Sehnsucht danach zu stillen? Und wie lange hat Gott sich Zeit gelassen, sich endlich zu offenbaren?

Die alten Ägypter waren eine Hochkultur, die vor über fünftausend Jahren begonnen hatte. Das bedeutet: Als Israel aus Ägypten auszog, gab es dort schon zweitausend Jahre lang Schrift, Architektur, Kunst! Man verehrte viele Götter, aber es gab eine Tendenz zum Ein-Gott-Glauben, zum Monotheismus. Der Pharao Echnaton hatte versucht, diesen Monotheismus durchzusetzen, war damit aber schnell gescheitert; gescheitert an der Reformunfähigkeit des religiösen Establishments. Sein Nachfolger Tut-Anch-Aton ließ wieder viele verschiedene Gottheiten verehren und änderte seinen Namen in Tut-Anch-Ammun; unter diesem Namen ist er berühmt geworden, vor allem als mumifizierte Leiche.

Besonders bewegt hat mich: Zum Untergang des Pharaonenreiches führte die Selbstüber-schätzung seiner Hierarchie. Die Herrschenden dienten nicht mehr ihrem Volk, sie kümmerten sich nur noch um sich selbst. Pharao Ramses II. ließ in Abu Simbel einen Tempel bauen, in dem er sich als Gott verehren ließ. Zu Hause in Theben hätte er das nicht gewagt, aber hier, in der Wüste, bei den weniger gebildeten Nubiern, da setzte er es durch. Im Tempel selbst habe ich ein schauderhaftes Relief gesehen: Ramses II. kniet vor Ramses II. und betet ihn an. Er verehrt sich selbst – schrecklich! Wenn sich die Herrschenden zu wichtig nehmen, dann gnade uns Gott. Wir sehen es nicht nur an Gaddafi, an Mubarak und Assad, sondern auch schon an Berlusconi und Putin: allesamt Herrscher, die sich selbst allzu wichtig nehmen, denen ihre Macht zu Kopfe steigt.
Vergleiche mit der kirchlichen Hierarchie sind selbstverständlich rein zufällig.

An der Religion der alten Ägypter ist mir vor allem eines aufgefallen: Ihre Götter wohnten in Tempeln, die von Menschen gemacht waren; nur in diesen Tempeln, so meinte man, könne man Kontakt zu ihnen aufnehmen. Man wusste von den Göttern eigentlich nichts, sondern man erzählte immer nur dieselben alten Mythen, um die Welt zu erklären. Durch den Tempelkult meinte man, den Göttern helfen zu können, das Weltgleichgewicht zu erhalten; selbst den Sonnenaufgang mussten die Tempelpriester herbeibeten! Man musste Opfer bringen, um die Götter gnädig zu stimmen. Damit bestanden diese alten Religionen doch eigentlich nur – aus Angst! Ihre Götter konnten nicht lieben, und deshalb konnte man die Götter auch nicht lieben; man konnte ihnen nicht wirklich begegnen, weil sie an den Menschen gar nicht wirklich interessiert waren!

Ich erzähle Ihnen das so ausführlich, liebe Schwestern und Brüder, weil ich in Ägypten gemerkt habe: Manchmal muss man das Fremde sehen, um das Eigene wieder wertzu-schätzen! Denn wie anders, wie neu und liebevoll ist unser Gott! Wie anders, wie neu und liebevoll hat er sich den Menschen geoffenbart!

Auf seinen Spuren, auf den Spuren des Gottes Jahwe, gingen wir auf dem Sinai. Jahwe wurde zuerst von Beduinen verehrt. Sie lebten auf dem Sinai, zogen als Nomaden umher. Und sie kannten einen Gott, der nicht in Tempeln wohnte, sondern der mit ihnen mitging – durch die weglose Wüste. Während man zu den alten Göttern hingehen musste, ging dieser Gott zu den Menschen! Er ließ sich dort erfahren, wo die Menschen sind: ein mitgehender Gott!

Besonders deutlich wird das in der Geschichte vom brennenden Dornbusch. Gott offenbart sich in einem Dornbusch, der „brennt und doch nicht verbrennt“, wie es im Buch Exodus heißt. Das bedeutet: Gott ist und bleibt das absolute Geheimnis, und doch hat er Interesse am Menschen. Interesse ist lateinisch und bedeutet: dazwischen-sein. Gott ist dort, wo die Menschen sind. Zu Moses sagt er: „Ich habe das Elend meines Volkes gesehen.“ Gott ist also interessiert am Glück der Menschen. Er ist nicht unempfindlich für menschliches Leid – wie die alten Götter ringsumher; er leidet vielmehr mit und schenkt Freiheit! Und er sagt seinen Namen: „Ich bin Jahwe!“ Dieser Name bedeutet: „Ich bin für dich da!“ Martin Buber, der jüdische Religions-philosoph, übersetzt das noch besser: „Ich bin, wo du bist!“ So nah ist Gott!

Am Dornbusch sagt Gott seinen Namen. In Jesus Christus zeigt er sein Gesicht! Ein Gott zum Anfassen, aus Fleisch und Blut, mit Hand und Fuß! Jesus kommt von Gott her auf die Menschen zu. Er macht ihnen deutlich: Gott wohnt nicht in Tempeln, sondern „wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“. Gott will keinen Kult, sondern Liebe: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“ – so markant zitiert Jesus den Propheten Hosea. Und der Apostel Paulus macht uns deutlich: Durch Jesus sind wir erlöst von der langen und vergeblichen Suche nach Gott, von der vagen und doch erfolglosen Idee, das Göttliche irgendwie besitzen oder benutzen zu können. Erlöst sind wir von der Last, uns die Ewigkeit verdienen zu müssen. An Jesu Tod und Auferstehung sehen wir: Wir sind geliebt um unserer selbst willen, ohne Bedingung und ohne Leistung.

Am Dornbusch sagt Gott seinen Namen. In Jesus Christus zeigt er sein Gesicht. Und der Heilige Geist sagt zu jedem von uns: „Ich bin dir näher, als du dir selber bist!“ So nah ist Gott! Das ist wirklich eine Revolution – eine Revolution in der Religionsgeschichte! Wir dürfen an einen Gott glauben, der uns jede Angst nimmt. Der uns begegnen will. Der lieben kann – und den wir lieben. Der keine Opfer braucht, sondern der sich hingibt – von der Krippe bis zum Kreuz! Der nicht in Tempeln wohnt, sondern inmitten der Menschen. Insofern hat Franz Kamphaus recht, wenn der Jesus den „heruntergekommenen Gott“ nennt, im wörtlichen und im übertragenen Sinn: Jesus, vom Himmel herunter gekommen, als Mensch herunter-gekommen, lebt unter den Menschen - einfach, arm und bedürfnislos, ohne Allüren, voller Liebe; in ihm sehen wir das menschliche Gesicht Gottes.

Eine Revolution ist das! Wir nehmen das gar nicht mehr richtig wahr, weil wir unseren eigenen Glauben schon gut zu kennen meinen, weil wir an die Rituale gewöhnt sind und unser Christsein praktizieren – mehr oder weniger. Aber es ist so: Weihnachten ist eine Revolution! Denn seit Weihnachten ist alles umgedreht: Nicht der Mensch sucht Gott (wie in Ägypten) – Gott sucht den Menschen! Der Mensch hat von Gott nichts zu befürchten, er braucht keine Angst zu haben – vielmehr sorgt Gott sich um ihn! Niemand braucht sich selbst ein Denkmal zu setzen (wie die Pyramiden) – denn jeder ist in Gottes Hand geschrieben. Und kein Herrscher dieser Welt darf sich verehren lassen (wie die alten Pharaonen es taten – und manche Leute heute) – denn Gott selbst kam als einer, der dient.

Liebe Schwestern und Brüder!

Was bin ich froh, Christ zu sein! Das habe ich in Ägypten gemerkt. Was bin ich glücklich, zu Jesus Christus zu gehören! Das merke ich jeden Tag. Tatsächlich: Manchmal muss man das Fremde sehen, um das Eigene wieder wertzuschätzen. Ich habe gemerkt: Die Götter der Religionen sind weit weg, sind unberechenbar, sind nichts als Projektionen aus Angst. Jahwe, der Gott Jesu Christi, ist unendlich nah und voller Liebe.

Mein Credo heißt deshalb: Ich glaube Jesus seinen Gott. Das klingt zunächst so, als könnte ich kein richtiges Deutsch, und sei der Dativ wirklich dem Genitiv sein Tod. Aber ich meine es wirklich so, mit Jesus im Dativ: Ich glaube ihm, diesem Jesus, seinen Gott. Ich glaube ihm, dass er den wahren Gott verkündet. Den wirklichen. Denjenigen, nach dem sich die Menschheit jahrtausendelang gesehnt hat. Den Gott, der uns Leben schenkt im Himmel und auf Erden. Ich glaube Jesus seinen Gott – nicht naiv und magisch (natürlich nicht), sondern aufgeklärt und mystisch. Aufgeklärt heißt: Mitten in der Welt. Mystisch heißt: mit Gott auf Du und Du. Ich möchte nicht bloß, dass er mir hilft und mich beschützt; das wäre mir zu naiv. Ich will ihn zu nichts zwingen, ihn nicht benutzen, gebrauchen, gar beschwören wie die alten Religionen es taten; das wäre mir zu magisch. Ich möchte einfach mit ihm leben! Und ich möchte lieben – wie er!

Weihnachten heißt: Gott begegnet uns menschlich. Die lange bange Suche nach Gott ist endlich zu Ende. Gott sagt: „Ich bin, wo du bist. Ich zeige dir mein Gesicht. Ich bin dir näher, als du dir selber bist!“

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn wir einander menschlich begegnen, ohne Angst … dann sehen wir die Welt mit den Augen Gottes! 

Pfarrer Stefan Jürgens

Hier die PDF-Version der Predigt