Liebe Schwestern und Brüder!
Wie können wir einander österlich begegnen? Wie spüren wir, dass der Auferstandene wirklich in unserer Mitte ist? Und wie können wir dann in seinem Geist Gemeinde sein?
Ein Blick in die Ostererzählungen des Neuen Testaments kann helfen, dieser Frage nachzugehen: Wie können wir einander österlich begegnen? Wenn ich die biblischen Ostererzählungen lese, entdecke ich einige Gemeinsamkeiten: Zunächst hört man von Trauer, Enttäuschung und Angst. Darauf folgt die Begegnung mit dem auferstandenen Christus. Schließlich werden die Jünger gesandt, die frohe Botschaft von Ostern zu bezeugen.
Doch noch einmal der Reihe nach. Zuerst also herrschen Trauer, Enttäuschung und Angst. Denken Sie etwa an die Frauen, die zum Grab gehen. Sie wollen den toten Jesus salben, wie es beim jüdischen Begräbnis noch heute üblich ist (Mk 15). Oder denken Sie an die Emmausjünger: Enttäuscht gehen sie von Jerusalem weg. Obwohl sie gehört haben, dass Jesus auferstanden sein soll: ihre Trauer ist größer als ihre Hoffnung (Lk 24).
Wenn ich in den Ostererzählungen weiterlese, kommt es dann jedes Mal zu einer Begegnung zwischen dem Auferstandenen und seinen Jüngern. Die Jünger erkennen Jesus nicht an seiner äußeren Gestalt, sondern von innen her. So müssen die Emmausjünger erst gewahr werden, dass Jesus mit ihnen unterwegs ist: Jesus erklärt ihnen die Schrift und bricht das Brot; daran erkennen sie ihn (Lk 24). Maria Magdalena erkennt Jesus an der tiefen inneren Beziehung, die er ihr geschenkt hat. Jesus nennt sie beim Namen: „Maria“, und Maria antwortet: „Rabbuni – Meister!“ (Joh 20) Nicht an seiner äußeren Gestalt also wird der auferstandene Jesus Christus erkannt, sondern an der Liebe.
In den Ostergeschichten des Neuen Testaments erkenne ich schließlich ein Drittes: die Sendung. „Geh zu meinen Brüdern“, sagt Jesus zu Maria Magdalena (Joh 20). In einer anderen Ostererzählung werden die Jünger nach Galiläa geschickt (Mt 28). Die Emmaus-jünger gehen zurück nach Jerusalem, um ihre Ostererfahrung zu teilen (Lk 24). Am Schluss des Matthäusevangeliums sendet der Auferstandene die Jünger ganz ausdrücklich: „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28). Jesus verbindet mit seiner österlichen Selbstoffenbarung also nicht nur die Freude über das neue und ewige Leben, sondern vor allem einen Auftrag. Er sendet seine Jünger, Zeugnis für ihn zu geben; Zeugnis für den Gott des Lebens, den er seinen und unseren Vater nennt.
Trauer und Enttäuschung, Begegnung und Sendung: Das sind für mich die verbindenden Elemente der biblischen Ostererzählungen. Liegt darin vielleicht eine Antwort auf die Frage, wie wir einander österlich begegnen können?
Auch in der Kirche macht sich heute bei vielen Enttäuschung breit, Resignation. Manche von den Älteren trauern darüber, dass, wie sie sagen, „alles nicht mehr so ist wie früher“. Sie spüren, dass eine Kirchengestalt zu Ende geht, in der es genügte, einfach „mitzumachen“; eine Kirchengestalt, die ihnen einmal Geborgenheit und Sicherheit geschenkt hat. Den meisten Jüngeren, so scheint es, bedeuten Glauben und Kirche immer weniger. Sie rufen bestenfalls den kirchlichen Service ab, die Begleitung von der Wiege bis zur Bahre, von der Taufe bis zur Beerdigung. Auf diese Weise gerät das, was einmal Tradition war, zur Folklore.
Wir müssen in aller Bescheidenheit zugeben: Die so genannte Volkskirche liegt bei uns im Sterben, woanders ist sie längst tot. Wie geht es weiter? Wenn Jesus Christus durch den Tod ins Leben ging – warum sollte das für die Kirche nicht gelten? Doch wie kommt die Kirche zu neuer Lebendigkeit?
Durch die Begegnung mit Jesus Christus! In den Ostererzählungen folgt auf die tiefe Enttäuschung der Jünger immer eine Begegnung mit Jesus Christus, und zwar eine ganz neue, völlig unerwartete. Eine Begegnung, die nicht geplant, nicht gemacht, sondern geschenkt wird! Dadurch wird alles anders. Ich bin davon überzeugt: Das gilt auch für die Kirche. Auch sie kann nur durch die Begegnung mit Jesus Christus neu zum Leben kommen. Wenn wir auf unsere Mitte schauen, bekommen wir neuen Mut. Die Mitte der Kirche ist der auferstandene Christus. Er lässt uns nicht allein.
Auf die Begegnung mit Jesus Christus folgt in den Ostererzählungen die Sendung. Wer Jesus Christus als den Auferstandenen erkannt hat, lässt sich von ihm senden. Er kann seine Ostererfahrung nicht für sich behalten. Das gilt wiederum auch für die Kirche: Wenn wir Jesus Christus besser kennen gelernt haben, werden wir in seinen Dienst treten: mit Entschiedenheit, mit geistlichem Tiefgang, eindeutig und profiliert. „Geht hinaus in alle Welt“ – dieses Wort werden wir uns dann zu Eigen machen. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Auferstehungszeugen, die bewusst in die Sendung Jesu eintreten.
Wie können wir einander österlich begegnen? Wenn wir Trauer und Angst hinter uns lassen, und wenn wir uns von Jesus Christus senden lassen. Dann spüren wir: Die Kirche ist mehr als die Summe ihrer Mitglieder; da ist ein „Mehrwert“, wenn wir einander von Jesus Christus her begegnen. Denn der Auferstandene ist mitten unter uns. Kirche und Gemeinde sind ja nicht für sich selbst da; der Kirche ist nicht ihre Selbsterhaltung aufgetragen, sondern die Mission! Wo Jesus Christus die lebendige Mitte ist, da wird er auch bezeugt, da wird sein Wort gelebt, da lebt man aus der Kraft seiner Hingabe und Liebe, die uns in der heiligen Eucharistie immer neu geschenkt wird.
Österliche Begegnungen. Eine solche österliche Begegnung, die mich neu für meine Sendung als Priester motiviert hat, ist mir vor einigen Wochen geschenkt worden. Eine Begegnung mit unserem Bischof Dr. Felix Genn. Es war sehr brüderlich, wertschätzend und freundlich, aber auch ernst. Im Nachhinein kann ich sagen: Es war österlich, ein Gespräch mit erlösendem Charakter. Dafür bin ich sehr dankbar. Der Bischof hat mich gebeten, hier vor Ihnen noch einmal Stellung zu nehmen.
Vielleicht erinnern Sie sich: Kurz vor Beginn der Fastenzeit hatte ich eine sehr kirchen-politische Predigt gehalten. Dabei ging es um das so genannte „Memorandum“ mehrerer Theologieprofessoren. Ich hatte gehofft, dass es in der Kirche zu einem wirklichen Dialog kommen würde, auch über die so genannten „Reizthemen“, die bei vielen schon so lange auf der Tagesordnung stehen.
Ich brauche im Einzelnen hier nicht darauf einzugehen, weil wir die meisten dieser Themen innerhalb unserer Glaubensgespräche bereits sehr differenziert dargelegt und diskutiert haben. Meine Sorge war einfach, dass der Graben zwischen der Kirchenleitung und den Gemeinden immer tiefer wird; Missverständnisse und Misstrauen wären die Folge. Ich habe befürchtet, dass wir einer Kirchenspaltung entgegen gehen: zwischen Leitung und Basis, zwischen konservativ und progressiv, traditionalistisch und pastoral. Das aber möge Gott verhüten! Wir können nur gemeinsam nach Wegen suchen, der Botschaft Jesu treu zu bleiben – und dabei sowohl der Tradition der Kirche gerecht zu werden als auch den Erfordernissen unserer Zeit.
Eine tiefe Sorge um die Kirche, ja eine wirkliche Liebe zur Kirche – deshalb habe ich damals diese Predigt gehalten. Hinterher sagte eine ältere Frau: „Ich habe nicht alles verstanden, aber ich habe gespürt, wie sehr Sie die Kirche lieben.“ So war das Ganze tatsächlich gemeint. Ich möchte keine Spaltung, sondern Einheit. Ich möchte keinen Unfrieden, und ich weiß, dass man an manchen gesellschaftlich umstrittenen Themen nicht auch noch zündeln darf. Ich meine jedoch, dass wir in der Kirche noch besser aufeinander hören müssen, auch auf die kritischen Stimmen. Die Kirche darf sich nicht in allem der Welt anpassen, aber sie muss mit der Welt im Gespräch bleiben!
Dennoch bin ich, was manche Formulierungen angeht, sehr übers Ziel hinausgeschossen. Ich habe besonders die Bischöfe scharf angegriffen. Und dabei Dinge gesagt, die nicht konform mit der Kirchenleitung sind. Dies war einer Predigt nicht angemessen, und das tut mir sehr leid. Es geht in der Kirche nur im gemeinsamen Suchen und Fragen, im Beten um Gottes Heiligen Geist, der die Kirche führt. Es geht nur in tiefer Einheit mit allen, die in der Kirche Verantwortung tragen.
Ich möchte Sie, liebe Schwestern und Brüder, um Vergebung bitten, wenn ich jemanden von Ihnen verletzt haben sollte. Ich hoffe, dass Sie mir ebenso verzeihen können wie unser Bischof. Und ich hoffe, dass viele von uns ins Nachdenken gekommen sind über die Zukunft des Glaubens und der Kirche; ins Nachdenken, ins Beten und Handeln! Wenn ich mich auch im Ton vergriffen habe, so haben doch alle meine Begeisterung für Jesus Christus spüren können, auch meine grundlegende Loyalität mit der Kirche. Dies zeigen die vielen positiven Rückmeldungen auf die Predigt.
Ich freue mich auf den Besuch unseres Bischofs am Patronatsfest des heiligen Otger, am 10. September. Es wird bestimmt eine österliche Begegnung, die uns im Geist des Auferstan-denen neu miteinander verbinden wird. Außerdem werden wir unseren Bischof im Frühjahr zur Visitation in Stadtlohn begrüßen dürfen.
Ich hoffe auch, dass der geplante innerkirchliche Dialog gelingen wird. Ich bin davon überzeugt, dass die Kirche Zukunft hat. Hören wir gemeinsam auf das Wort Gottes – und aufeinander. Es darf keine Denk- und Sprechverbote geben, alles muss auf den Tisch – am besten auf den Tisch des Herrn! Legen wir ihm unsere Sorgen vor, unsere Trauer und Angst, aber auch unseren Mut, unsere österliche Hoffnung, damit er uns als Kirche ebenso verwandeln kann wie Brot und Wein. Wenn der österliche Geist in der Kirche Einzug hält, dann wird der Gesprächsprozess nicht im Sande verlaufen, sondern wahrhaft Frucht bringen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Ich wünsche uns allen, dass wir niemals in Angst und Trauer stecken bleiben, weil wir aus der Begegnung mit Jesus Christus leben. Er ist die Mitte! Er sendet uns, macht uns zu Zeugen seines neuen Lebens. Zeigen wir der Welt unseren christlichen Mut, indem wir einander mit Vertrauen begegnen, mit Wertschätzung und Zuversicht. Stehen wir zum Auferstandenen, indem wir einander österlich begegnen!
Pfarrer Stefan Jürgens
Hier die PDF-Version der Predigt
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